10-Minuten-Aktivierung® nach Ute Schmidt-Hackenberg

Ute Schmidt-Hackenberg hat die Methode der 10-Minuten-Aktivierung®” entwickelt. Dafür erhielt sie 1991 den Förderpreis vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit, Familie und Frauen des Landes Baden-Württemberg. Frau Schmidt-Hackenberg ist Aktivierungstherapeutin und Maltherapeutin. 16 Jahre hat sie in einem Alten- und Pflegeheim den Bereich Beschäftigungstherapie geleitet. Heute arbeitet Frau Schmidt-Hackenberg als Dozentin und gibt ihr Wissen in Seminaren im In- und Ausland weiter.

Das schöne an der   “10-Minuten-Aktivierung®” ist, dass sie aus der Praxis heraus entstanden ist und jeder sie nach einer kurzen Anleitung anwenden kann.

Die Methode der  “10-Minuten-Aktivierung®” ist zur Gruppen- oder Einzelförderung gleichermaßen geeignet. Die Einzelförderung wird Menschen angeboten, die aus diversen Gründen nicht am Gruppengeschehen teilnehmen können. Die Aktivierung ist täglich durchzuführen. Die  “10-Minuten-Aktivierung®” ist vor allem für die Arbeit mit Demenzkranken gedacht.

Ein kleiner Exkurs zum Gedächtnis

Es gibt vier Gedächtnissysteme.

Das Priming

Wir sehen ein Haus, das auf dem Kopf steht. Es wird erkannt, da das Gehirn verschiedene Muster abgespeichert hat, das ermöglicht ein schnelles und automatisches Wiedererkennen. Es sieht aus, wie…

Das prozedurale Gedächtnis

Hier ist das Wort Prozess sprich Ablauf enthalten. Wie schwierig war es Auto zu fahren, einen Knoten zu binden, Rad zu fahren. Komplexe Bewegungsabläufe werden gespeichert und automatisiert.

Das semantische Gedächtnis

Hier wird unser Wissen abgespeichert.

Das episodische Gedächtnis

Im episodischen oder autobiografischen Gedächtnis werden unsere persönlichen Erinnerungen abgespeichert. Die Erlebnisse werden zusammen mit Ort und Zeitpunkt des Ereignisses registriert.

Was geschieht bildlich bei der Demenz mit dem Gedächtnis. Stellen wir uns das Gedächtnis als große Bibliothek vor. Mit der Zeit verschwinden einzelne Bücher aus unterschiedlichen Reihen. Heute ist das Wort Apfel verschwunden. In meinem episodischen Gedächtnis ist  gespeichert, dass man dieses “Ding” essen kann. Ein schöner Baum im Garten stand und Oma im Winter leckere “Bratäpfel mit Vanillesauce” im Kachelofen gebacken hat.

Mit der Zeit verschwinden immer mehr Bücher, so dass die meisten Erinnerungen verschwinden. Obwohl der Kranke biologisch 99 Jahre alt ist, fühlt, denkt er wie ein 15-jähriger… Er sieht sich als 15-jähriger. Deshalb erkennt er den alten Mann im Spiegel nicht, da er 15 Jahre jung ist.

Da er dauernd diesen alten Mann im Spiegel sieht, bekommt er Angst und erzählt der Tochter von dem Besucher im Badezimmer… Hängen Sie bitte den Spiegel zu.

Zuerst verschwinden die Erinnerungen aus dem Kurzzeitgedächtnis. Die Erlebnisse, Erinnerungen im Langzeitgedächtnis bleiben lange erhalten. Mit der Zeit verschwinden auch hier mit und mit die Erinnerungen. Schlimm für Angehörige wird es, wenn die Mutter das eigene Kind nicht mehr erkennt. So kann es passieren, dass gesagt wird: “Du bist nicht mein Sohn. Du bist ein alter Mann. Mein Sohn hat schöne lockige braune Haare. Du hast eine Glatze!”

 

Die Herstellung von Aktivierung-/Erinnerungskisten

Bei der Ausbildung der Betreuungskräfte lasse ich immer Aktivierungskisten/Erinnerungskisten herstellen. Jeder Teilnehmer überlegt ein Thema, besorgt einen Schuhkarton  sowie die Gegenstände zum gewählten Thema.

Fast jedes Thema ist für eine zehnminütige Aktivierung geeignet. Auszuschließen sind die Themen: Krieg, Hunger, Gewalt, Flucht, Vergewaltigung…

Ich zeige hier einige Erinnerungskisten zur Anregung. Diese haben Auszubildende im Unterricht hergestellt. Die Fotografien habe ich gemacht.

Tipps: Wenn Sie einen Strand mit Sand basteln wollen, kaufen Sie entweder kinesthätischen Sand oder Sie haben sehr guten flüssigen Bastelkleber, der nach dem Trocknen durchsichtig wird, verteilen diesen gleichmäßig über die gesamte Fläche. Anschließend schütten Sie feinen Sand  über den Kleber.  Lassen Sie den Strand/Sand trocknen. Das hält.

Teilnehmer haben zusätzlich Haarspray, Sprühkleber oder auch Glitzerspray über den Sand gesprüht.

Wollen Sie z. B. einen größeren Stein als zentralen Punkt nehmen, wird dieser zuerst mit der Heißklebepistole festgeklebt. Anschließend folgen die oben beschriebenen Arbeitsschritte. Während der Trocknungszeit gestalten Sie den Deckel, die Außenseiten…

Sollten Sie die Innenwände der Kiste anmalen, so wäre dies der erste Schritt.

Stoffe werden in der Regel auch mit Heißkleber befestigt. Andere tackern, was ich persönlich nicht gut finde. Ab und zu wird genäht.

Bei allen Gegenständen, Stoffen, Kunstrasen…, die Sie mit dem Heißkleber befestigen wollen,  testen Sie bitte vorher an einer Ecke, ob der Gegenstand nicht schmilzt. Schmilzt er, so wird der Heißkleber auf einer kleineren Fläche verteilt, wartet man ein bißchen und klebt schnell z. B. den Kunstrasen auf. Nach einigen Versuchen klappt es! Ach ja, passen Sie auf Ihre Finger auf! Ich habe mir dabei schon einige Male die Finger verbrannt.

Teilweise werden Kartons gestaltet, die zu unterschiedlichen Anlässen neu “gepackt” werden können z. B. Jahreszeiten, Wald, Ostern, Weihnachten, Fühlkiste … Manche sind sehr voll, andere bestechen durch Schlichtheit …

 

Hier können Sie über mehrere Themen sprechen wie Urlaub, Wandern, Fluss, Angeln, Einsamkeit, Träumen, neu einrichten…

Gerne wird das Thema Kosmetik, Frisör genommen. Hier wurde der Karton komplett aufgeklappt, von außen und innen beklebt. Anschließend wurden die Fläschchen, Nagellack… mit Heißkleber festgeklebt. Die Teile wurden so geklebt, dass die Seiten hochklappbar waren und der Deckel alles hielt. Der Gedanke war,

dass Menschen, die im Rollstuhl sitzen nicht alles sehen können, was in der Kiste ist. So hat jeder die Gelegenheit alles zu sehen.

Kleben Sie nicht alles fest, da bei der Aktivierung gerne die Gegenstände angefasst und herausgenommen werden.

Einige Teilnehmer bastelten ihre eigenen Erinnerungsboxen. Einer liebte das Meer und die Nordseeküste und stellte seine eigene Box her. Er dachte an seine eigene Erkrankung und bereitete eine Erinnerungskiste vor. Diese sollte sein Sohn später benutzen, um bei ihm die Erinnerungen an das Meer, die Nordsee zu wecken und ihn so zu aktivieren.

Ein Teilnehmer legte eine Erinnerungsbox für seinen Sohn an (Zähne, Locke, erstes Paar Schuhe, erster  Strampler, Großeltern, Familienbilder…).

… oder unten wurde alles reingestellt, was seine Hobbys waren…

 

 

Sind die Aktivierungskisten fertig, stellt jeder sein Projekt vor. Oft entstehen Diskussionen oder intensive Gespräche. Es ist immer wieder spannend. Deshalb sage ich, dass die Erinnerungskisten auch bei NICHT Demenzkranken eingesetzt werden können, was ursprünglich wahrscheinlich nicht die Intention war.

Die Aktivierungskiste kann als Hinführung zum Thema/zur Themenreihe benutzt werden. Sie wollen mit ihrer Gruppe einen Kuchen backen. Ihre Kiste enthält eine Kuchenplatte, Servietten… Die Dose wird geöffnet und ein Gespräch entsteht. Fragen, Überlegungen, Rezepte, Tisch-Deko… Sie sagen, am Donnerstag wollen wir backen. Sie überlegen gemeinsam, welcher Kuchen gebacken wird, welches Rezept genommen wird… An einem anderen Tag geht es ins Geschäft. Beim nächsten Termin wird gebacken für die gesamte Station….

(Achtung: Je nach dem wie die Heimvorschriften sind, dürfen Sie das nicht. Teilweise dürfen auch keine Produkte aus hygienischen Gründen im Geschäft gekauft werden. Eier müssen in der Küche sterilisiert werden. Es ist möglich, dass alle Zutaten aus der Küche kommen und Sie dann leider nichts einkaufen dürfen. In anderen Heimen ist das gemeinsame Backen, Kochen verboten.)

Einsatz der Aktivierungskiste bei Demenzkranken

Die “10-Minuten-Aktivierung®”wird bei der Erinnerungsarbeit in Einzel- oder Gruppengesprächen eingesetzt. Der Einsatz erfolgt in der Regel bei Demenzkranken. Durch gezielte Schlüsselreize sollen die Demenzkranken aus ihrer “Lethargie” herausgeholt werden. Schlüsselreize sind Gegenstände aus der Vergangenheit der Kranken.

Bei Gruppen liegt die beste Zeit für eine Durchführung zwischen 11 und 13 Uhr.  Im Dienstplan steht, wer, wann die  “10-Minuten-Aktivierung®” durchführt. In Heimen ist die beste Zeit kurz vor dem Mittagessen, wenn alle schon am Tisch sitzen. Der eingetragene Mitarbeiter holt seine vorbereitete Dose aus dem Schrank/Regal. Er setzt sich zu seiner Gruppe und eröffnet das Tischgespräch. Der Mitarbeiter lässt fühlen, schmecken, riechen… Leichte Bewegungen und Atemübungen werden integriert. Schnell sind die zehn Minuten vorbei. Die Gegenstände eingepackt und zurückgestellt.

Zu unterschiedlichen allgemeinen Themen stehen vorbereitete, vorne beschriftete Kartons an einem zentralen Ort (Schrank, Regal).  Neben den Gegenständen liegen ein Packzettel  sowie ausgearbeitete Vorschläge für den Einsatz mit Fragen, Liedern, Gedichten, Reimen, Bewegungen… bei. Diese Anleitung wird im Deckel festgeklebt. So kann jeder nach kurzer Orientierung damit arbeiten.

Individuelle Förderung erfolgt mit Hilfe der Angaben des Biografiebogens. Die Biografie muss ständig aktualisert werden. Die persönliche, individuelle Kiste wird  anhand des Biografiebogens zusammengestellt. Die Angehörigen stellen den Inhalt zur Verfügung.

Auch zu Hause können Sie mit der Erinnerungskiste eine   “10-Minuten-Aktivierung®” durchführen. Zum Beispiel hat der Angehörige gerne Kuchen gebacken, so kann die Befüllung einer Aktivierungskiste, wie folgt, aussehen: Teigrolle, Teigschaber, Schneebesen, Schüssel, Kuchenform, Plätzchenausstecher, Sieb, Ölpinsel, Teigräder, Kochlöffel, Küchenwaage, Messlöffelchen, Backbuch…  Zuerst wird die Dose von innen und außen attraktiv gestaltet. Anschließend legen Sie die ausgesuchten Gegenstände rein. Sie müssen die Aktivierungkiste nicht alleine herstellen. Ihr erkrankter Angehöriger hilft gerne.

Sie setzen sich zu dem Kranken stellen die Dose vor dem Angehörigen auf den Tisch. Vielleicht haben Sie seine  Neugier geweckt. Vielleicht wird die Dose von alleine geöffnet oder Sie fordern ihn auf.

 

Verneint er, dann öffnen Sie und sagen ihm, dass sie mal reinschauen. Reinschauen lassen. Immer auffordern einen Gegenstand herauszunehmen oder in die Hand legen, warten, fühlen lassen, riechen lassen, Fragen stellen (Wie heißt das? Was wurde damit gemacht? Mein erster Kuchen…) Erwarten Sie keine gezielten Antworten. Es kann sehr lange dauern, bis der Demenzkranke reagiert und einen Anknüpfungspunkt findet. Vielleicht wird Ihnen nun von einem Kuchen “erzählt”, den die Oma in der Kindheit so gut gebacken hat.

Sind Sie bitte immer bei dem Demenzkranken und “haken” dort ein, wo Sie merken, dass vielleicht noch ein wenig Erinnerung ist. Nicht länger als 10 Minuten aktivieren, dann lässt die Konzentration nach.

Bitte führen Sie diese Aktivierung täglich durch. Sonst  hat es keinen Sinn.

Sollte irgendwann einmal das Thema Pflegeheim, Tagepflege… aktuell werden, so fragen Sie nach, ob auch mit der  “10-Minuten-Aktivierung®” nach Ute Schmidt-Hackenberg gearbeitet wird.

Denn leider wird die  “10-Minuten-Aktivierung®” nach Ute Schmidt-Hackenberg  noch immer viel zu selten in den Häusern, Einrichtungen, bei der Tagespflege… angewandt.

Viele meiner Teilnehmer berichteten nach dem Praktikum, dass keine  10-Minuten-Aktivierung®” nach Ute Schmidt-Hackenberg durchgeführt wurde. Diese einfache Methode war auf den Stationen unbekannt.

0.00 avg. rating (0% score) - 0 votes

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Warning: Parameter 2 to wp_hide_post_Public::query_posts_join() expected to be a reference, value given in /www/htdocs/w014e22b/ute-maria-mennicken.com/wp-includes/class-wp-hook.php on line 286