PTBS – Posttraumatische Belastungsstörungen im Alter

Peter, der Lieblingspfleger Ihrer Mutter vom Ambulanten Pflegedienst, kommt heute zur Grundpflege. Er betritt das Zimmer, begrüßt Ihre Mutter und sie fängt an zu schreien, schlägt um sich, bewirft Peter mit allen Gegenständen, die sie greifen kann. Peter geht raus und die Mutter beruhigt sich. Sobald er den Raum wieder betritt, geht es wieder von vorne los. In den nächsten Tagen wird eine Mitarbeiterin geschickt. Es gibt keine Probleme mehr.

Wenn Sie Ihre Mutter fragen, was los war. Werden Sie keine Antwort erhalten. Vielleicht werden Sie auch nie eine erhalten.

Mit der Zeit gewinnt die Pflegerin das Vertrauen der Mutter und sie erzählt von der Vergewaltigung ihrer Mutter, den Schwestern und der eigenen von einer Gruppe von Soldaten. Sie bittet aber darum, niemanden etwas zu erzählen.

Ein weiteres Beispiel erzählte ein Schüler im Unterricht nach seinem ersten Praxiseinsatz.  “Frau Mennicken, wir haben ja eine merkwürdige Frau bei uns!”

Warum?

Ja, die ist irgendwie zu uns gekommen. Man hat sie rausgeholt. Aber die klaut allen das Essen vom Teller! Überall, wo Essen steht, klaut sie es.  Versteckt es in ihrem Zimmer! Wir holen immer Berge von Essen aus ihren Schränken und anderen verstecken!…”

Denken Sie an Heidi, als die in Frankfurt bei Clara war, sie sammelte  auch Brötchen!” Alle lachten. “Aber die Dame wird einen Grund dafür haben! Kennen Sie den?”

Aber dazu mehr am Ende dieses Artikels, vielleicht haben Sie, liebe Leser_innen, eine Idee!

Was kann eine posttraumatische Belastungsstörung auslösen?

Auslöser ist immer ein außergewöhnliches belastendes Ereignis wie Krieg, Flucht, Vertreibung, Folter, Gewalt, Vergewaltigung, Naturkatastrophen… auch Augenzeugen können davon betroffen sein.

Ein Trauma kann sich zu einer PTBS (posttraumatischen Belastungsstörung) entwickeln. Diese entwickelt sich verzögert. Sie kann nach Wochen, Monaten oder teilweise auch nach Jahren entstehen. Die PTBS ist eine langanhaltende Reaktion auf ein gewaltiges Ereignis. Dieses ist gekennzeichnet durch Hilfslosigkeit  und Angst.

Welche Symptome kann man bei  einer PTBS haben?

# Wiederkehrende Albträume

Es ist alles vorbei, jedoch die Menschen erleben diese Situation immer wieder aufs Neue. Sie hören nachts ihren Vater im Zimmer schreien. Er liegt gerade in einem Schützengraben an der Ostfront und ein Gegner hält ein Gewehr an seinen Kopf….

# Erinnerungslücke   Nach dem Tod des geliebten Partners

# Erinnerungen, Bilder kommen plötzlich in die Erinnerung. Der Betroffene ändert plötzlich seine Verhaltensweisen. Er reagiert so, als ob er diese Situation gerade nochmals durchleben würde.

# Reizbarkeit

# Schlafstörungen

# Schreckhaftigkeit

# Angst

# Zittern

# Weiters kann ein Rückzug aus dem gesellschaftlichen und dem sozialen Umfeld erfolgen. Geliebte Aktivitäten werden nicht mehr unternommen. Man vermeidet jede Situation, die an das Trauma erinnern könnten.

# Emotionen gibt es keine mehr. Sie wirken gleichgültig und teilnahmslos.

# Sie sind erschöpft und müde.

 

Aus der PTBS kann sich eine Depression entwickeln und auch Suizidgedanken können auftreten.

Nicht umsonst sind heute bei schweren Katastrophen Seelsorger für die Betroffenen, die Angehörigen und für die Einsatzkräfte vor Ort und bieten direkte Betreuung an. Auch Soldaten werden betreut.

Die Kriegs- und Nachkriegsgeneration wurde nicht betreut. Sie blieben mit ihren Problemen, die sie hatten und heute noch haben, alleine. Manche haben dies sofort weggesteckt, andere haben eine Mauer um sich gebaut, verdrängt.

 

Was kann ein Trauma reaktivieren?

  • Sirenen
  • Schußgeräusche (Karneval, Filme)
  • Kriegsberichterstattungen
  • körperliche Gebrechen
  • soziale Einsamkeit
  • die eigene Biographie
  • Besuch der alten Heimat
  • Demenz
  • viele Erlebnisse

 

Oft werden Menschen als “alte Schrulle” gekennzeichnet, weil der Mensch total merkwürdige Verhaltensweisen an den Tag legt.

 

Welche können das sein?

  • das Sammeln von Essen, anderen Gegenständen,
  • Angst vor dem Verlust der Selbstständigkeit,
  • Suche nach Wärme und Geborgenheit,
  • Sparzwang (Essen, Heizung, Wasser…),
  • Sicherheit,
  • immer in Aufbruchstimmung,
  • Misstrauen,
  • alles genauestens planen, organisieren,
  • nicht auf den Körper achten,
  • Angst vor demVerlust von geliebten Menschen

 

Sollten einige dieser oben aufgeführten Verhaltensweisen beobachtet werden, so ist bei der Diagnostik evtl.  zu überprüfen, ob ein Zusammenhang mit einem Trauma, einer Gewalterfahrung besteht.

Oft verstehen wir unsere älteren Angehörigen nicht. Auch ich habe bei der Erarbeitung dieses Artikels gewisse Verhaltensweisen bei meinen Angehörigen endlich verstanden und mir erklären können. Dabei habe ich festgestellt, dass ich einige dieser Verhaltensweisen übernommen habe. Manchmal versteht man viele Dinge erst später.

Beim Schreiben fiel mir ein, dass ich während meines Studiums einen Kommilitonen besucht habe. Vor seiner Ausgangstür stand immer eine gepackte Aktentasche. Irgendwann fragte ich ihn, warum die da steht. Er erklärte mir, dass in der Tasche alle wichtigen Unterlagen enthalten sind. Er muss immer alles griffbereit haben, falls es brennt. Sein Vater hatte auch eine Tasche zu Hause. Immer wenn Fliegeralarm war, wurde die Tasche gegriffen undman  lief schnell in den Bunker.

Die Auflösung

Nun zum Ende möchte ich nochmals über die “Essenmitnehmerin” schreiben. Haben Sie überlegt, was mit ihr geschehen sein könnte?  Welches Leben durfte diese Frau führen?

Auf jedenfall bis zu ihrem Einzug ins Heim jahrelang kein schönes Leben, soviel ist sicher.

Die Dame war verheiratet. Immer, wenn der Mann zur Arbeit ging, schloss er sie in einen Raum ein – entweder ein Raum ohne Fenster oder unter der Treppe. Dort gab es nur Wasser und einen Eimer, falls sie mal musste! Manchmal blieb er tagelang weg. Mit der Zeit lernte sie unbemerkt Essen zur Seite zu legen und in verschiedenen Verstecken zu horten, so dass sie keinen allzu großen Hunger litt, wenn der Mann unterwegs war.

 

Literatur für Betroffene und Angehörige:


Welche Literatur hat mich beim Erstellen des Artikels unterstützt?

Unterricht Pflege 20. Jahrgang, Heft 1, März 2015, Pflege und Gesellschaft, Seite 18 bis 23, Prodos Verlag

Das Foto habe ich bei pixabay.com heruntergeladen. Der Ersteller nennt sich 3dman_eu

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